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DIE GROSSE PILGERREISE, TEIL I

  Zu jedem Reisetag findest du hier einen kleinen Abriss der Etappenziele, der besonderen Ereignisse und der (meiner Meinung nach) erwähnenswerten Nichtigkeiten, die eine solche Tour erst zum bleibenden Erlebnis machen.
  Mein komplettes Tagebuch würde hier den Rahmen sprengen. Außerdem gehen die dort enthaltenen, sehr persönlichen Eintragungen und intimen Gedanken sowieso (mit Verlaub) keinen von euch was an!
  Also nimm dir ein Stündchen Zeit, öffne eine große Flasche guten Wein aus der Rioja (bevorzugt Gran Reserva) und schwelge mit mir in wunderbaren Erinnerungen an fantastische Tage...

Letzte Überarbeitung:
01.04.2005

Camino-Schild

DER GENAUE STRECKENVERLAUF

Tag

Wochentag

Datum

Strecke von - nach

Km

1. Tag

Freitag

26.5.

Anreise nach St.-Jean-Pied-de-Port

--

2. Tag

Samstag

27.5.

Über die Pyrenäen nach Roncesvalles

26

3. Tag

Sonntag

28.5.

Roncesvalles - Larrasoana

26,5

4. Tag

Montag

29.5.

Larrasoana - Cisor Menor

20

5. Tag

Dienstag

30.5.

Cisor Menor - Puenta la Reina

22,5

6. Tag

Mittwoch

31.5.

Puenta la Reina - Irache

22

7. Tag

Donnerstag

1.6.

Irache - Torres del Rio

28,5

8. Tag

Freitag

2.6.

Torres del Rio - Navarette

33,5

9. Tag

Samstag

3.6.

Navarette - Azofra

23

10. Tag

Sonntag

4.6.

Azofra - Redecilla del Camino

26,5

11. Tag

Montag

5.6.

Redecilla del Camino - Villafranca Montes de Oca

24

12. Tag

Dienstag

6.6.

Villafranca Montes de Oca - Olémos de Atapuerca

24

13. Tag

Mittwoch

7.6.

Olémos de Atapuerca - Burgos

12

14. Tag

Donnerstag

8.6.

Wanderung zum Karthäuserkloster Miraflores

15

15. Tag

Freitag

9.6.

Stadtrundgang Burgos und Rückreise nach Biarritz

10

16. Tag

Samstag

10.6.

Rückflug nach Luxemburg

--

Gesamtstrecke

313,5

1. Tag - Freitag, 26.5.00  - Anreise nach St.-Jean-Pied-de-Port

  Um 4:00 Uhr in der Nacht nehme ich meinen Rucksack und schließe die Haustür hinter mir. Gerade mal 2 Grad über Null zeigt das Thermometer und ich muss das Eis von den Autoscheiben kratzen, bevor ich zum Luxemburger Flughafen starten kann.
  Der Abschied von Margret und Tanja fiel nicht gerade leicht, da dies mein erster längerer Ausflug ist, den ich ohne die Familie verbringe.

  Im Flughafengebäude herrscht bereits reger Betrieb und die Fluggäste nach Paris werden zu einem Seitencounter gelotst, damit sie noch rechtzeitig zur Maschine kommen. Leider hat mich niemand darauf aufmerksam gemacht, dass der Rucksack richtig “verpackt” sein muss, bevor er verladen werden kann. Ein freundlicher Sicherheitsbeamter bringt mir einen großen Plastiksack und ich verschnüre den Rucksack darin. Dann verschwindet er gegen 5:30 Uhr in den unendlichen Tiefen des Luxemburger Airports und ich hoffe, ihn wieder wohlbehalten in Biarritz in Empfang nehmen zu können.
  Der Flug ist ein Traum! Das Wetter spielt fantastisch mit. Der Aufenthalt auf dem Charlles-de-Gaulle Aeroport in Paris ist mir viel zu lang und ich warte sehnsüchtig auf den Aufruf der Maschine nach Biarritz.
Der erste Blick auf die Pyrenäen beim Landeanflug auf Biarritz macht mich ganz kribbelig.
  Ich denke an meinen Rucksack. Ober er auch wirklich durchgecheckt wurde? Tatsächlich erscheint er nach kurzer Zeit auf dem Laufband: Erleichterung!

  Als ich nach draußen trete trifft mich die Hitze wie ein Schlag. Das Thermometer steht auf 25 Grad Celsius: welch´ ein Unterschied zur kalten Eifel. Ein leichter Wind trägt den Geruch des Atlantiks herüber. Das Fernweh ist wieder da.
  Während ich auf den Bus warte, der mich an den Bahnhof von Bayonne bringen soll, habe ich eine kurze Unterhaltung mit einem Franzosen, der mir ansieht, dass ich auf den “Chemin de St. Jaques” gehe. Er rät mir, unbedingt den Ziegenkäse auf einem Hof inmitten der Pyrenäen zu kaufen, da dieser unübertroffen sei. Er selbst pilgert jedes Jahr einmal mit seiner Kirchengemeinde von St.-Jean nach Roncesvalles.

  Mit dem Bus der Linie 4 geht es durch Biarritz nach Bayonne Gare (Bahnhof).
  Dort stehen schon einige Rucksäcke und nun weiß ich ganz bestimmt, dass ich auf dem richtigen Weg bin. An einen Eisenpfosten gelehnt steht ein Mann mit kahlem Haupt und liest ein Buch. Als ich an ihm vorbei gehe, bemerke ich, dass es ein deutsches Buch ist. Mehrmals gehe ich an ihm vorbei, doch dann finde ich den Mut, ihn einfach anzusprechen. Er stellt sich vor: “Frank, aus Berlin”. Dies ist der Beginn einer langen und noch immer anhaltenden Freundschaft.
  Im Zug nach St.-Jean-Pied-de-Port sitzen viele Pilger, darunter auch noch mehrere Deutsche.

  Die Unterkünfte auf dem Jakobsweg heissen “Refugio” (sprich: Refuchio) und sind in etwa mit den Jugendherbergen der 50er-Jahre vergleichbar. Geschlafen wird in Mehrbett-Zimmern, wobei eine geschlechtliche Trennung zwischen Männlein und Weiblein (meist) nicht stattfindet. Es gibt hier nur den “Pilger” an sich als Neutrum.
  Ein überaus freundlicher Empfang im Refugio. Wir bekommen unseren ersten Stempel in den Pilgerausweis .
  Am Abend besichtigen wir das hübsche Städchen und die geschichtsträchtige Zitadelle, wobei wir mit Mike einen sehr aussergewöhnlichen Zeitgenossen aus Norwegen kennen lernen dürfen.
  Die Ausblicke auf die nahen Pyrenäen regen unsere Diskussionen an, wo der Weg wohl am nächsten Tag hinaufführen wird. Ein bisschen bang ist mir schon, wenn ich mir die steilen Hügel ansehe.
Das Refugio ist, von der Zitadelle aus gesehen, ein großer Bau, dessen untere Hälfte den Pilgern komplett zur Verfügung steht. Die erste Nacht ist ein wenig ungewohnt, aber ich schlafe fest und tief.

 

2. Tag - Samstag, 27.5.00  - Über die Pyrenäen nach Roncesvalles

  Wir starten um 6:00 Uhr in der Früh. Gut gelaunt steht Frank vor dem Eingang des Refugios. Unsere kleine Gemeinschaft (Mike, Frank und ich) kehren in einer Kirche bei der Porte Espana ein. Jeder verweilt in einem stillen Moment und kehrt in sich. Dann wünschen wir uns einen “Bon Camino” und ziehen durch die Porte Espana aus St.-Jean hinaus.

 
Gleich darauf geht es schon sehr steil bergan. Das Gepäck trägt seinen Teil dazu bei, dass ich ganz schnell ordentlich ins Schwitzen gerate. Mike und Frank sind wohl besser durchtrainiert und so schwinden sie aus meinem Blick.
  Immer wieder ergeben sich fantastische Blicke in die Täler , in denen sich nun langsam der Nebel verflüchtigt. Wir finden den von dem Franzosen beschriebenen Berghof und jeder kauft sich eine große Portion Schafskäse.
  Mittagsrast halten wir dann am Wegesrand mit Baguette, aromatischem Schafskäse und klarem Bergwasser. Dort erfahren wir auch, dass Mike eigentlich überhaupt keine typischen Reisegegenstände in seinem Rucksack mitführt. Alles ist auf ein Minimum beschränkt, jedoch hat er so an die 10 dicke Bücher dabei, die er bei jeder sich bietenden Gelegenheit liest. Wenn er sie ausgelesen hat, schenkt er sie einfach dem Refugio, wo er sich momentan befindet und kauft sich neue.

  Auf den nicht eingezäunten Bergweiden grasen Hochlandschafe und freilaufende Pferde in gemütlicher Eintracht.
Wir überschreiten die grüne Grenze zu Spanien und nur ein Stein zeigt uns auf 1.300 m Höhe, dass wir uns ab jetzt in einem anderen Land befinden.

  6 Stunden bergauf und noch kein Ende abzusehen. Und nochmal um ´ne Ecke biegen und ... plötzlich stehe ich auf 1.420 m Höhe und blicke ins Tal nach Roncesvalles hinab. Die ausgiebige Rast an dieser Stelle wird mir noch lange in Erinnerung bleiben.

  Nach steilem Abstieg liegt das Kloster Roncesvalles nun vor uns. Die erste (und auch schwerste) Tagesetappe der diesjährigen Tour ist geschafft. Puh, das war anstrengend!

  Am Abend treffen wir auch Monika und deren Tochter Sonja, die aus Deutschland per Flieger über Pamplona gekommen sind und nun dem Bus entsteigen.

  Unser erstes Pilgermenü verdient natürlich hier eine Erwähnung: Im Gasthaus neben dem Kloster wird eine Art “Fütterung der Raubtiere” abgehalten. Bereits am Nachmittag haben wir Bons für das Essen gekauft und um 20:30 Uhr füllt sich der Saal in Windeseile mit ca. 100 Pilgern.
Dann die Überraschung: Es gibt Vorspeise (Makkaroni), Hauptgang (Gebr. Forelle mit Pommes), Nachtisch (Eis) und Wein für 1.000 Pts, also ca. EUR 5,-. Alle sind begeistert wie gut es schmeckt und wie schnell der Service abläuft!

Nachtrag: Das oben genannte Menü scheint es dort jedoch JEDEN Tag und über Jahre hinweg zu geben! Andere Pilgerberichte beschreiben nämlich genau die gleiche Essenzusammenstellung !



3. Tag - Sonntag, 28.5.00  - Von Roncesvalles nach Larrasoana

  Der Morgen begrüßt uns mit kaltem Regen . So packen wir zum ersten Mal unsere warmen Sachen und die Regenklamotten aus.

  Den ganzen Tag regnet es. Zwar nur leicht, dafür aber ständig. Die Wege sind mit Schlammpfützen übersät und unsere Schuhe werden schwer und auch innen feucht.
  Der Jakobsweg selbst ist jedoch nicht zu verfehlen. Überall stehen solche Wegweiser , die die stilisierte Jakobsmuschel und/oder einen gelben Pfeil zeigen. Karten sind absolut nicht notwendig. Auch durch die Ortschaften findet man an allen Kreuzungen den gelben Pfeil entweder an den Hauswänden oder auf dem Asphalt.

  Wir haben uns gegen Mittag von Mike verabschiedet, den es Richtung San Sebastian zieht. Wo er von dort aus hinmöchte, weiß er noch nicht. Irgendwann will er wieder zurück in seine Heimat. Viel Glück, Mike.

  Eine Rast auf der Puente de la rabia (Tollwutbrücke) bei Zubiri. Die Sage erzählt, dass tollwütige Tiere dreimal unter der Brücke hindurch geführt werden müssen und dann von der Tollwut geheilt sind. Da niemand von uns auch nur einen Anflug von Tollwut hat, können wir das Wunder leider nicht ausprobieren.
  Obwohl es Sonntag ist, hat ein kleiner Laden im Ort geöffnet und wir versorgen uns mit Proviant.

In Larrasoana sind tatsächlich noch Betten im Refugio frei. Das hatten wir nach dem Ansturm in Roncesvalles nicht erwartet und uns schon moralisch auf eine Nacht im Freien oder in einer Scheune eingestellt. Anscheinend hat die große amerikanische Gruppe (mehr als 30 Jugendliche) einen anderen Weg genommen, denn wir sehen sie nie mehr wieder.
  Hier treffen wir auch zum ersten Mal auf eine lustige Truppe: Die Fiteros kommen aus dem gleichnamigen spanischen Ort. Sie sind ein Kirchenchor bestehend aus 9 Männer, die den Camino bereits im zehnten Jahr hintereinander (!) gehen. Wir werden sie immer wieder auf der Strecke treffen und zu guten Freunden werden.
  Abends besuchen wir die kleine Kirche und erleben einen Gottesdienst in mehreren Sprachen, gesanglich unterstützt von den Fiteros. Fantastisch!

 

4. Tag - Montag, 29.5.00 -  Von Larrasoana nach Cisor Menor

  Meine Hosenbeine und das T-Shirt sind über Nacht leider nicht getrocknet, da es zu kalt war und noch immer leichter Nieselregen herunter gekommen ist. Ich hänge die Sachen einfach über den Rucksack und hoffe, dass der Wind sein trocknendes Werk tut.
  Ziemlich wortkarg ziehen wir aus Larrasoana aus.

  Der Weg führt durch herrlich grüne Wiesen und Bachschluchten, was unsere Stimmung sichtlich bessert. Immer wieder kommen wir durch halb- oder ganz verlassene Dörfer, die wie aus dem Mittelalter wirken.
Der Camino führt uns nun am Fluß Ulzama entlang, den wir über diese romantische Brücke überqueren. Dahinter siehst du das Kloster Trinidad de Arre, wo auch eine Pilgerherberge betrieben wird. Wir ziehen jedoch weiter in Richtung Pamplona und betreten die Stadt durch das Portal de Francia (Französisches Tor).

  In der Stadt herrscht Hektik, Verkehr, Lärm, Hupen. Nichts für uns. Während Frank eine ausgiebige Stadtbesichtigung unternimmt, sitzen wir 3 andern auf dem Marktplatz und genießen ein Eis in der nun doch zaghaft hervorkommenden Sonne.
  Unsere Klamotten sind nun tatsächlich auf dem besten Weg trocken zu werden.

  Am Park der Universität vorbei überqueren wir eine Autobahn und haben nun endlich die lärmende Stadt hinter uns.
  Das Refugio in Cisor Menor ist fast ausgebucht und man weist uns einen Schlafplatz mit Liegen in einem angrenzenden Industriegebäude hinter dem Refugio zu. Die Schnarcher erhalten einen eigenen Platz im ehemaligen Kühlraum! Gute Idee.
  Der angrenzende Garten ist ein Traum aus Blüten und Blumen. Nach der heutigen Etappe macht Frank uns im Garten eine Fußmassage . Wir haben Glück, denn unsere Füsse sind noch intakt. Sehr vielen Mitpilgern sind jedoch bereits die ersten Kilometer in Form von Blasen und Druckstellen an den Füßen anzusehen und es entwickeln sich rege Diskussionen rund um die Blasenbekämpfung und -behandlung. Da gibt es wirklich ziemlich bizarr anmutende Ansichten...

 

5. Tag - Dienstag, 30.5.00 -  Von Cisor Menor nach Puenta la Reina

  Hinter Cisor Menor geht es auf schönen Feldwegen in Richtung Monte del Perdon durch Dörfer mit so wohlklingen Namen wie Zariquiegui.
  Kornfelder, durchsetzt mit rotem Mohn, und Ginster säumen den Camino und schon von weitem ist der Windpark aus 40 Windrädern auf dem Bergrücken zu sehen, der uns wieder ein wenig in das Heute zurückholt.

  Oben auf dem Monte del Perdon angekommen erwartet den durchgeschwitzten Pilger eine Plastik (Wieso eigentlich “Plastik”? Das Ding ist aus dickem Metall und rostet langsam vor sich hin). Das “am-Schwanz-ziehen” hat leider nichts gebracht. Der Esel wollte und wollte keine Gold sch......
  Dafür haben wir einen herrlichen Blick über die Felder der Navarra auf den weiteren Jakobsweg. In der Ferne erkennt man bereits Puente la Reina, unser Tagesziel.

  Doch vorher machen wir einen Abstecher zur Templerkirche Eunate , die wahrscheinlich in früher Zeit als Grabkirche für Pilger diente.

  Ich habe mir heute einen höllischen Sonnenbrand auf der linken Halshälfte eingefangen! Die Sonnencreme hatte ich ja fein säuberlich im Rucksack verstaut, damit sie nicht abgenutzt wird...

  Nach dem “einchecken” im Refugio haben wir noch reichlich Zeit unsere Wäsche zu waschen und für einen Spaziergang durch Puente la Reina .
  Wir besichtigen die berühmte Brücke , die bereits im 11. Jahrhundert durch die Königin von Navarra erbaut wurde, weil die Fährleute hier die Pilger bei der Überquerung des Rio Arga “abzockten”. Diesem Gebahren bot dann der Bau der Brücke Einhalt (...und die Fährleute waren wahrscheinlich furchtbar sauer auf die Königin...).
  Unsere kleine Gruppe hat weiblichen Zuwachs bekommen. Die Spanierin Marta hat sich vor allem Sonja angeschlossen, da diese hervorragend Spanisch spricht.
  Das Refugio ist brechend voll! Kein Wunder, denn hier treffen sich die beiden spanischen Hauptwege (Navarrischer und Aragonesischer Weg) und vereinen sich zum sogenannten Camino Frances.

 

6. Tag - Mittwoch, 31.5.00 -  Von Puenta la Reina nach Irache

  Wir werden mit Gesang geweckt: Die Fiteros stimmen ihr Santiago-Lied an und begrüßen so den aufziehenden heißen Tag.
  Die Sonne scheint unbarmherzig auf uns herab und verbrennt uns die linke Körperhälfte, da wir ja fast ausschließlich nach Westen wandern.
Merke: Woran erkennt man einen Jakobspilger? Rechte Wade weiß, linke Wade rot!)

  Auf Römerspuren (Straßenpflaster und Brücke über den Rio Salado) treffen wir am späten Vormittag in Lorca ein. Der Brunnen verlockt viele Pilger mit seinem klaren, kalten Wasser zu ausgiebigen Fußbädern . Jeder noch so gut gemeinte Ratschlag, man solle die Füße nicht in das Wasser stecken, wird beim Anblick des plätschernden Wassers in den Wind geschlagen.
  Einige Stunden später aber sieht man sie dann: Mit Blasen an den Füßen lässt sich auch die schönste Strecke nicht mehr er”leben”.

  In sengender Hitze kommen wir in Estella an. An der Kirche des heiligen Grabes (Iglesia del Santo Sepulcro) nehmen wir die spanische Mentalität an und halten im Schatten einer alten Mauer eine ausgiebige Siesta. Die beiden Refugien sind hoffnungslos überfüllt und so beschließen wir, noch ein Stück weiter zu wandern.

  Der Weg führt am Kloster Irache vorbei und wir machen anschließend an der Weinkellerei “Bodegas Irache” ausgiebigen Gebrauch von der (berühmt-berüchtigten) Wasser- und Weinquelle . Als gute Pilger zapfen wir natürlich nur Wasser! Dieses hat jedoch eine eigenartig dunkle Farbe und einen außerordentlich komischen Geschmack und steigt einem bei 35 Grad im Schatten ganz schön zu Kopf. (Heisst Wasser auf Spanisch denn nicht “Vino”?)
  Wir alle (v.l.n.r.: Monika, Marta, Frank, Sonja und ich) sitzen bis zur Abenddämmerung an diesem schönen Ort und vergessen die Zeit.
  Wohin aber nun mit unseren inzwischen wirklich müden Knochen? Zur nächsten Herberge ist es noch weit und eigentlich haben wir keine Lust mehr, noch 10 km zu gehen.
  Marta hat schließlich irgendwie einen Einheimischen aufgegabelt, der uns in seiner Garage übernachten lässt. Was haben wir ein Glück. Santiago sei Dank.
  Schnell sind ein paar Matrazen zusammen getragen und aus der Garage wird ein komfortables Nachtquartier. Leider hat der Wein eine kleine Nebenwirkung: Alle schnarrschen, dass sich die Garagentore biegen.

 

7. Tag - Donnerstag, 1.6.00  - Von Irache nach Torres del Rio

  Der Abschied von unserer Gastfamilie fällt uns wirklich schwer, obwohl wir doch nur eine Nacht dort verbracht haben. Aber es sind wirklich sehr liebe Leute. Der Gastgeber schnenkt jedem von uns eine Jakobsmuschel, die wir stolz an unsere Rucksäcke hängen.

  Wir ziehen bei Gluthitze am Maurenbrunnen (Fuente de los Moros) vorbei und halten am neuen Refugio in Villamayor de Monjardin eine Pause mit Apfelsinen, die Frank in einem kleinen Laden besorgt hat.

  Wo viel Licht, da viel Schatten. Dieser Spruch trifft leider auf diesem Stück des Weges nicht zu.
In Los Arcos streikt plötzlich Sonja´s linkes Knie. Meine (vorsorglich mitgenommene) Kniebandage überlasse ich ihr gerne und sie wird ihr ständiger Begleiter bis zum Ende der Tour.

  Wir wollen im Refugio Los Arcos bleiben, doch nur Sonja und Monika werden wegen der Verletzung in der total überfüllten Herberge aufgenommen. Zum x-ten Mal hören wir, dass dieses Jahr bereits mehr Pilger unterwegs sind als im Heiligen Jahr 1999.
Anmerkung: Wenn der Jakobstag, also der 25. Juli, auf einen Sonntag fällt, ist heiliges Jahr in Spanien. Ganz schön clever, gell?

  Marta, Frank und ich nehmen also Abschied und vereinbaren, uns morgen in Logrono wieder zu treffen. Dann ziehen wir weiter Richtung Torres del Rio, wo sich eine private Herberge befindet. Bevor wir diese jedoch erreichen, werden wir von einer Sturm- und Regenwand überrascht. Gerade noch können wir uns in den Vorraum der Kirche San Zolio in Sansol flüchten, bevor das Unwetter losbricht. Hagelkörner so groß wie Daumennägel prasseln herab und der Wind hat Orkanstärke. Nach 30 Minuten ist der Spuk vorbei und wir ziehen weiter.

  Die berühmte achteckige Kirche in Torres del Rio ist sehr sehenswert und beeindruckt uns alle.
Belohnt werden wir am Abend im Refugio mit einem spektakulären Sonnenuntergang .
  Zu diesem, von einem Spanier und seiner italienischen Frau privat geführten, Refugio ist leider zu vermerken, dass (im allgemeinen Vergleich) der Preis für die Übernachtung mit 1.000 Pts. (ca. 5,- Euro) recht teuer ist. Für 1.350 Pts. (ca. 7,- Euro) erhielten wir ein wirklich kärgliche Abendessen. Noch nicht einmal Wasser (geschweige denn Wein) gehörte zum Essen. Beholfen haben wir uns damit, dass ein paar spanische Autopilger ihre “Weinschläuche” herum reichten. Ehrlich gesagt, habe ich es nicht hinbekommen gleichzeitig Mund und Schlund zu öffnen und mein T-Shirt sah nach ein paar Schlucken entsprechend aus...

 

8. Tag - Freitag, 2.6.00 -  Von Torres del Rio nach Navarette

  Über gebirgige Pfade kommen wir in die engen Gässchen von Vianna und steuern über eine staubige Ebene auf Logrono zu.
  In einem Vorort wartet Dona Felisa , eine damals bereits 85-jährige Dame, die seit 15 Jahren Tag für Tag geduldig jeden Pilger persönlich begrüßt und registriert. Sie ist so bekannt in Spanien, dass sie sogar einen eigenen Stempel (unten links; FELISA) für den Pilgerpass verwenden darf und es bereits Zeitungs- und Filmberichte über sie gibt.

  In Logrono erfahren wir dann mit Schrecken, dass wir uns hier von Monika und Sonja trennen müssen. Sonja will unbedingt einen Ruhetag wegen ihres Knies einlegen. Ob wir uns noch einmal treffen werden, bleibt unklar. Marta möchte mit uns beiden Deutschen weiter ziehen, obwohl sie kein Wort Deutsch oder Englisch spricht und wir fast kein Wort Spanisch.

  Die Hitze heute ist mit mehr als 38 Grad fast schon unerträglich. Am Stausee Pantano de la Grajera werden wir spontan zu einer privaten Feier eingeladen. Wenn wir Marta nicht dabei gehabt hätten, wäre uns dieses tolle Erlebnis mit den Einheimischen sicher verwehrt geblieben. Aber ein Pilger ist hier noch etwas besonderes.
  Nach dieser hervorragenden Rast geht es wieder leichter die Berge hinter dem Stausee herauf. Der Camino führt hier einige Kilometer an der Autobahn entlang. Das ist gar nicht lustig und schlaucht ungemein.

  An der Ruine des Pilgerhospitals San Juan de Acre machen wir noch eine letzte Rast, bevor wir in die sehr schöne und neu hergerichtete Herberge Navarette “einlaufen”.
Der Abend bietet eine herrliche Fernsicht und wir steigen den Stadthügel hinauf um den Ausblick auf die nächste Tagesstrecke zu genießen.

 

9. Tag - Samstag, 3.6.00 -  Von Navarette nach Azofra

  Im ersten Morgenlicht starten wir durch die Weinberge der Provinz Rioja . Die hier angebauten Rotweine zählen zu den besten der Welt und wir haben einige davon gekostet.
  Hinter einer Wegebiegung stehen wir plötzlich vor den berühmten Steinmännchen . Diese werden von Pilgern seit Jahrhunderten immer wieder neu errichtet. Auch wir können es nicht lassen und raffen ein paar Steine auf den umliegenden Feldern zusammen.

  Weiter geht es durch das Städtchen Najera zum Kloster Santa Maria la Real. Von der einstmals großen Anlage ist nur noch ein kleiner, aber hübscher Teil übrig. Unbedingt sehenswert: Der idyllische Innenhof .
  Und weiter geht es durch endlos scheinende Weinberge mit seltsamen Felsformationen.
  In der Hitze setze ich meine Kappe falsch herum auf den Kopf. Das sieht zwar ein bisschen bescheuert aus, aber es hat seinen Sinn: Da die Sonne teilweise von hinten auf uns scheint, schützt so der Schirm den Nacken (Hab´ ich aber zu spät bemerkt; Sonnenbrand schon da!)

  Wir sind alle recht froh, als wir endlich in Azofra ankommen. Das Refugio wurde von den Santiagofreunden aus Köln vor ein paar Jahren vollständig renoviert. Es gibt 3 Schlafräume, in denen die Betten 3-stöckig (!) aufgestapelt sind. Nix für Leute mit Höhenangst. Die Sage geht, dass schon mal jemand aus einem der oberen Betten gefallen sein soll und die Mitpilger fanden ihn in einer Blutlache...
  In der Kirche gleich neben der Herberge gibt es eine Besonderheit. Den “lächelnden Gekreuzigten” . Die Küsterfrau schließt uns die Kirche auf und wir bestaunen dieses einmalige Kunstwerk.
  In der Nacht werden wir durch ein schlimmes Gewitter geweckt. Nur ein Schnarcher schläft den Schlaf des Gerechten und bekommt von dem Himmelsschauspiel (leider) nichts mit.

 

10. Tag - Sonntag, 4.6.00  - Von Azofra nach Redecilla del Camino

  Nebel liegt wie ein großes weißes Tuch über Azofra, als wir das Refugio gegen 7:00 Uhr verlassen. Das T-Shirt ist schnell durchweicht und wir ziehen unsere Regensachen drüber. Wir haben Glück und dürfen bei einem Bauern in der Scheune unsere Frühstückspause halten. Das hat Marta mal wieder prima hingekriegt.
  Dann geht der Nebel in einen leichten Nieselregen über und unsere Schuhe werden auf dem Lehmboden durch die Matschklumpen, die ständig daran hängen bleiben, immer schwerer.

  Wir sind froh, als wir in Santo Domingo de la Calzada ankommen und besichtigen das alte Pilgerhospital und die Kathedrale.
  Hier hat sich eine der berühmtesten Legenden des Jakobsweges abgespielt. Die Kurzfassung dieser mittelalterlichen Sage:
  Ein aus Köln stammendes Pilgerpaar und ihr Sohn übernachteten in einem Wirtshaus in Santo Domingo de la Calzada. Die Wirtstochter verliebte sich auf den ersten Blick in den Sohn, der aber nichts von ihr wissen wollte. Die junge Maid war über diese Abfuhr so sauer, dass sie ihm einen silbernen Becher in den Rucksack schmuggelte und ihn dann wegen Diebstahls anzeigte (das Luder...). Der Becher wurde bei der Durchsuchung von den Polizisten gefunden und der Junge auf der Stelle zum Tode durch Erhängen verurteilt. Nach der Vollstreckung des Urteils gingen die Eltern noch einmal zu dem Baum und sahen, dass ihr Sohn lebte und vom Heiligen Domingo an den Beinen gestützt wurde. Daraufhin liefen sie zum Richter um ihm von dem Wunder zu berichten, das ihrer Meinung nach die Unschuld ihres Sohnen bewies. Der Richter aber saß gerade beim Mitagessen und wollte einen Hahn und ein Hühnchen verspeisen, die seine Frau ihm gebraten hatte. Er erwiderte, dass der Junge wohl so lebendig sei, wie die Hühner auf seinem Teller. Daraufhin flogen die beiden Tiere zum offenen Fenster hinaus. Und wenn sie nicht gestorben sind ....
  Aus diesem Grund werden bis heute ein weißer Hahn und ein weißes Huhn in einem Käfig mitten in der Kathedrale gehalten! Und wer Glück hat kann den Hahn krähen hören. Sollte aber eine weiße Feder aus dem Käfig fallen, steckt man sie sich an den Hut.
  Wir werden von den vielen Touristen bestaunt, fotografiert und angefaßt. Es soll angeblich Glück bringen, wenn man einen Jakobspilger berührt.
  Ein weiterer Begleiter hat sich unserer Gruppe angeschlossen. Norman, ein Amerikaner aus Californien, war bisher mit ein paar Spaniern unterwegs, deren Gesellschaft er aber nicht weiter “geniessen” wollte.

  Es kündigt sich weiterer Regen an, der so stark wird, dass wir nun doch noch unsere Regenponchos überziehen müssen. Trotzdem verlieren wir nicht unsere gute Laune.

  In Redecilla del Camino gibt es keinen Hospitalero (Herbergsvater). Wir tragen uns selbst in das Gästebuch ein und machen uns den Stempel in den Pilgerausweis. Anschließend suchen wir den Küster, der uns das romanische Taufbecken zeigt, das den Ort berühmt gemacht hat.

 

11. Tag - Montag, 5.6.00 -  Von Redecilla del Camino nach Villafranca Montes de Oca

  Weiterer Regen an diesem Tag.
  Es scheint so, als wollten wir ans Ende der Welt gelangen. Die Wolken hängen so tief, dass wir sie fast greifen können. In der erste verfügbaren Kneipe (auf Spanisch: Bar) machen wir Rast, weil wir alle durchnässt sind. GoreTex ist zwar eine tolle Erfindung, aber die Membranen schaffen heute die Nässe der Haut nicht schnell genug nach Außen, sodass sie sich in der Jacke niederschlägt. Das eventuell doch heraus transportierte Wasser schlägt sich dann wieder in der Innenseite des Poncho nieder. Es ist zum Verzweifeln.

  Vollkommen naß kommen wir schließlich in Villafranca Montes de Oca an. Wir hängen unsere tropfnassen Sachen erst einmal in den großen Gemeinschaftsraum.
  Norman´s Schlafsack ist sogar so feucht, dass er ihn in dieser Nacht nicht gebrauchen kann.
Das Refugio ist bescheiden eingerichtet . Besonders die sanitären Anlagen sind nicht jedermanns Sache, weswegen sich viele in Privatzimmer eingemietet haben.

 

12. Tag - Dienstag, 6.6.00 -  Von Villafranca Montes de Oca nach Olémos de Atapuerca

  Kurz nach dem Aufstehen klärt sich der Himmel und die Sonne bricht durch. Hinter der Kirche von Villafranca bietet sich ein tolles Wolken-/Sonne-Schauspiel , dass auf dem Bild natürlich nur halb so toll wirkt wie in Wirklichkeit.
  Es ist noch sehr kühl. Etwa 3 bis 4 Grad schätzen wir. Auf den Bäumen ist tatsächlich Raureif zu finden! Na ja, wir befinden uns ja auch wieder auf fast 1.000 m Meereshöhe.

  Wir durchqueren eine fantastische Hochebene, deren höchster Punkt die Passhöhe Puerto de la Pedraja ist. Dort machen wir erst einmal eine kurze Verschnaufpause .
  Innerhalb von 20 Minuten steigt das Quecksilber um etwa 25 Grad, sodass es schon wieder sehr heiss ist, als wir in San Juan de Ortega , dem Grabmal des Heiligen Ortega, ankommen.

  Kurz hinter Agés verlassen wir den offiziellen Jakobsweg, weil wir erfahren haben, dass es im Ort Olémos de Atapuerca ein neues Refugio geben soll. Tatsächlich finden wir diese Herberge. Das Refugio sieht zwar von aussen nicht sonderlich neu aus, ist aber innen in einem hervorragenden Zustand. Am Nachmittag wird es so furchtbar heiss, das wir nur dösend im Schatten sitzen und den Ameisen zuschauen, die uns um und über die Beine flitzen.
  Im Gemeinschaftssaal der örtlichen Bar bekommen wir ein wirklich fantastisches Abendessen, das mit 950 Pts. (ca. 4,50 Euro) zum günstigsten der bisherigen Strecke zählt.

 

13. Tag - Mittwoch, 7.6.00 -  Von Olémos de Atapuerca nach Burgos

  Obwohl keine Wolke am Himmel zu sehen ist, ist es recht kühl als wir um 6:30 Uhr starten.
Hinter Olémos steigen wir einen Hügel hinauf und befinden uns wieder auf dem offiziellen Jakobsweg. Uns bieten sich fantastische Panoramablicke bis hin nach Burgos.
  Langsam schleicht sich eine traurige Stimmung bei mir ein, da es nicht mehr lange dauert und ich von den Gefährten Abschied nehmen muss.

  In den Vororten von Burgos gibt es ein ziemlich hässliches Industriegebiet, durch das man leider an einer vielbefahrenen Straße entlanglaufen muss. Viele Pilger nehmen dort den Bus bis in die Innenstadt. Wir waren uns jedoch einig, dass auch diese Hässlichkeit zum Camino gehört und liefen die etwa 3 km tapfer an der belebten Straße entlang.

  In einer kleinen Bar lassen wir uns den letzten gemeinsamen Café con léche (Kaffee mit Milch) und die Bocadillos con Jámon (Baguette mit Schinken) schmecken, bevor wir in den Stadtkern eintauchen und die berühmte Kathedrale von Burgos sehen.
  Beim Umrunden der Kathedrale treffen wir unsere alten Freunde die Fiteros wieder und lassen uns auf einem Gemeinschaftsfoto verewigen. Gemeinsam singen wir zusammen ihr Santiago-Lied.
Als Marta ihnen erzählt, dass ich sie heute verlasse, stimmen sie ein trauriges Abschiedslied an. ... Tränen rinnen ...

  Jeder vermeidet es irgendwie in Richtung Refugio zu gehen, das ein wenig ausserhalb in einem großen Park liegt. Wir setzen uns auf den Vorplatz der Kathedrale und werden immer wieder von Touristen bestaunt, angefasst und fotografiert . Am schlimmsten sind (Vorurteil hin oder her) die Japaner. Sie schnappen sich einfach deinen Arm und rufen “Smile, please!” und schon findest du dich auf einem japanischen Film oder Video wieder.
  Schlußendlich wird es jedoch Zeit, dass Marta, Frank und Norman weiterziehen und so gehen wir an der Statue des berühmten Volkshelden El Cid vorbei zum Refugio. Noch ein letztes Gruppenbild mit Dame und wir nehmen bewegt Abschied voneinander. Ich verliere 3 gute Weggefährten durch die ich sehr viele positive Lebenserfahrungen sammeln durfte.

** Vielen Dank, Frank ** Thank you very much, Norman ** Muchas Gracias, Marta **

  Den Abend verbringe ich mit einem australischen Pfarrer. Bei den intensiven Gesprächen bemerken wir eine wirkliche Seelenverwandtschaft. Sehr seltsam. Schade, dass ich ihn nicht weiter begleiten kann.

 

14. Tag - Donnerstag, 8.6.00 -  Wanderung zum Karthäuserkloster Miraflores

  Bereits um 6:00 Uhr werde ich wieder wach, obwohl ich doch heute eigentlich hätte ausschlafen können. Aber in einem Gemeinschaftsschlafsaal mit etwa 100 Pilgern ist ab einem gewissen Zeitpunkt an Schlaf nicht mehr zu denken.
  Ich frühstücke ausgiebig in der aufgehenden Sonne vor dem Refugio. Dann packe ich meine Sachen und mache mich auf den Weg zu einem der letzten noch bestehenden Karthäuser-Kloster in Spanien.
Ein letzter Blick zurück auf das tolle Refugio, dann gehts los.

  Laut Wegbeschreibung muss ich immer am Rio Arlanzón entlang. Nach etwa 2 Stunden wundere ich mich doch ein wenig, dass das Kloster noch immer nicht in Sicht ist. Es sollten doch nur knappe 4 km sein. Ich krame in meinem Rucksack und stelle mit Erschrecken fest, dass ich meinen Reiseführer wohl in der Herberge verloren habe. Also drehe ich um und marschiere Richtung Burgos zurück. Tatsächlich sehe ich nun auf dem Rückweg den Wegweiser “Cartuja de Miraflores” und beschliesse, zuerst dorthin zu wandern. Nach 4 Stunden bin ich dann endlich am Ziel.

  Das Kirchenschiff des Klosters wird im Volksmund auch “Der Sarg” genannt, da es eine gewisse Ähnlichkeit mit einem von Kerzen umrahmten Sarg hat. Außerdem befindet sich ein Königsgrab ganz aus Alabaster innerhalb seiner Mauern.
  Beim sehr hilfsbereiten Pförtner darf ich meinen Rucksack abstellen und erhalte eine deutsche Beschreibung zur Geschichte des Klosters. Ich bin ganz alleine hier. Keine anderen Touristen stören die himmliche Ruhe. Daher halte ich mich sehr lange im Kloster auf, wobei ich eine Begegnung mit einem Mönch habe, die mir (obwohl kein Wort gesprochen wurde) für immer in Erinnerung bleiben wird: In der Sakristei sitze ich schweigend, als mich plötzlich ein seltsames Gefühl beschleicht. Ich blicke mich um und sehe einen der Klosterbrüder in einer Bank hinter mir sitzen. Die Kapuze tief ins Gesicht gezogen kniet er da. Diese Patres haben normalerweise keinen Kontakt zur Außenwelt. Als ich aufstehen und ihn alleine lassen will winkt er mir jedoch zu, sitzen zu bleiben.

  Zurück in Burgos suche ich mir ein kleines Hotel, da man in den Refugien (ausgenommen im Krankheitsfall) nur jeweils eine Nacht bleiben darf. Ich genieße es, ein Zimmer ganz für mich alleine zu haben! Quer auf einem weichen Bett zu liegen und sich auszustrecken ist schon toll!
  Und trotzdem ist es ein seltsames Gefühl der Einsamkeit nach 14 Tagen “Rudelschlafen”.
  Am späten Nachmittag treibe ich mich auf dem Vorplatz der Kathedrale herum und habe das Glück Monika und Sonja doch noch einmal zu treffen! Ich begleite sie zum Refugio und erhalte dort tatsächlich meinen Reiseführer wieder zurück. Er ist von einem ehrlichen Finder beim Hospitalero abgegeben worden.
  Während meines Rückwegs zum Hotel treffe ich noch weitere Pilger-Bekannte aus Deutschland, Frankreich, Spanien und Brasilien.

 

15. Tag - Freitag, 9.6.00  - Stadtrundgang Burgos und Rückreise nach Biarritz

  Die letzte Nacht habe ich nicht gut geschlafen. Dauernd habe ich von irgendwelchen Orten am Camino geträumt und mich hin und her gewälzt.
Nach dem ausgiebigen Duschen (eine ganze Duschkabine mit warmem Wasser für mich gaaanz alleine!) packe ich ein letztes Mal meinen Rucksack.
  Der Himmel ist grau und es ist kalt. Ganze 13 Grad zeigt das Thermometer auf einer Straßenreklame. Ich lasse mein Gepäck beim Hotelportier.

  Da mein Zug zurück Richtung Frankreich erst gegen 16:00 Uhr abfährt, begebe ich mich auf eine “Kunstreise” durch Burgos und besichtige die Burg, diverse Kirchen und allerlei Museen. Es ist schon ein komisches Gefühl ohne 12 kg auf dem Rücken durch die Straßen zu streifen.

  Sehr früh schon bin ich am Bahnhof und warte auf die Ankunft des Zuges. Dieser ist fast ausschließlich mit Pilgern besetzt, die aus Santiago de Compostela zurück in Richtung Osten fahren. Ich hätte nicht gedacht, dass er so voll sein würde, sonst hätte ich am Vortag noch einen Platz reserviert.

  Am Bahnhof Hendaye (Frankreich) stellt sich heraus, dass mein gelöstes Ticket von der Deutschen Bahn nicht für den angegebenen Zug gilt, da dieser lediglich ein Schlafwagen-Zug ist, der gar nicht in Biarritz hält. Daher muß ich eine Zusatzfahrkarte für den TGV lösen, der eine gute Stunde später abfährt.
Um 23:40 Uhr bin ich schließlich wieder in Biarritz.
  Eigentlich hatte ich vor, die Nacht im Bahnhof zu verbringen und ein bisschen zu schlafen, aber ein freundlicher Bahnbeamter erklärt mir, dass der Bahnhof jetzt geschlossen wird (“Fermé la gare, Monsieur!”). Draußen ist es kalt und es regnet. Bis Mitternacht warte ich auf das bestellte Taxi.

 

16. Tag - Samstag, 10.6.00 -  Rückflug nach Luxemburg und Ankuft zu Hause

  Die Nacht hat jedoch erst begonnen:
  Nachdem mich das Taxi zum weit ausserhalb von Biarritz liegenden Flugplatz gebracht hat, setze ich mich in der Abflughalle auf eine Bank. Da erscheint ein freundlicher Flughafenbeamter und erklärt mir, dass er den Flugplatz jetzt schließen wird (“Fermé la aeroport, Monsieur”). TOLL - ECHT GUT !!!
  Also mache ich es mir so gut es eben geht in einem Bushaltestellen-Häuschen vor dem Flughafengebäude bequem.

Es wird die längste Nacht meines Lebens!

  Da es keine Sitzgelegenheit gibt, setze und lege ich mich auf den Rucksack und versuche zu schlafen. Ich döse immer mal wieder für 5 Minuten ein, schrecke dann jedoch wieder auf.
  Ein Hund taucht auf und knurrt mich böse an. Zur Vorsicht nehme ich meinen Wanderstock zur Hand. Es regnet und stürmt in einem fort. Das Wasser wird unter der Glaswand des Häuschens hindurch gedrückt. Gott sei Dank ist das Dach dicht.
  Der Wind ist so stark, dass auf dem Parkplatz die Alarmanlage eines Autos plötzlich losheult und ein paar Minuten später wieder verstummt.
  Immer wieder schaue ich auf die Uhr. Doch je öfter ich auf die Uhr schaue um so langsamer vergeht die Zeit.
  Angeblich soll der Flugplatz wieder um 5:00 Uhr öffnen. Doch um die angegebene Zeit tut sich da gar nichts. Erst 20 Minuten später gehen die Lichter an und die Tür auf.
  Bin ich froh, endlich wieder ins Warme zu kommen!

Nachtrag: Warum ich nicht auf die glorreiche Idee gekommen bin meinen Schlafsack und die Isomatte auszupacken ist mir bis heute ein vollkommenes Rätsel!



  Bei einem heißen Milchkaffee und einem Baguette an der Flughafenbar kommt mein müder Kreislauf wieder ein wenig in Schwung.

  Der Rückflug dagegen ist kein Problem. Leider muss ich mir in Paris 4 Stunden lang die Zeit vertreiben, bevor der Anschlussflug nach Luxemburg aufgerufen wird.

  Den Empfang zu Hause brauche ich hier nicht beschreiben. Sicher weißt du, dass er etwas ganz besonderes war.

  Der Pilgerausweis gehört seither mit zu den wichtigsten Schätzen, die ich von dieser Reise mitgebracht habe. Beim Betrachten jedes einzelnen Stempels erscheint vor dem geistigen Auge eine eigene Geschichte.
Hier kannst du dir das Credencial nochmal ansehen:
Vorderseite
Stempel 1
Stempel 2
Stempel 3

Fazit dieser einmaligen Pilgerreise:
Der Weg ist das Ziel!
Ich komme zurück zu meinem Camino
und freue mich bereits jetzt auf den
2. Teil im September/Oktober 2001



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